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Nocebo-Effekt: Krank durch Einbildung

Sie lesen den Beipackzettel und glauben danach, dass die Arznei nicht hilft oder sogar schadet? Dann passiert das vielleicht wirklich. Wie Ärzte und wir selbst die Wirkung von Medikamenten beeinflussen
von Christian Andrae, 21.07.2016

Die Macht der Gedanken: Sie kann zum Nocebo-Effekt führen

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Sowieso schon depressiv und nun von der Freundin verlassen, sieht der 26-jährige US-Amerikaner Derek Adams keinen Sinn mehr im Leben. Er schluckt 29 Kapseln. Dann fängt er an zu zittern und bereut seine Entscheidung. In der Notaufnahme ächzt er noch nach Hilfe. Dann bricht er zusammen und lässt sein Pillenfläschchen fallen.

Wie die Ärzte herausfanden, waren die Kapseln gar nicht schädlich. Sie stammten aus einer Studie für ein neues Medikament gegen Depressionen. Adams war eine der Testpersonen. Aber er gehörte zu jener Gruppe, die ein Scheinmedikament bekommen hatte. Die Kapseln enthielten keinen Wirkstoff, sondern Zucker. Als Adams davon erfuhr, dauerte es 15 Minuten, bis sich sein Zustand stabilisierte.

Placebo und Nocebo: Wenn eintritt, was wir erwarten

Ein Präparat ohne Wirkstoff, das krank macht? Ja. Dieses im Fachblatt General Hospital Psychiatry veröffentlichte Fallbeispiel beschreibt den bösen Bruder des Placebo-Effekts (lateinisch für "Ich werde gefallen"): den Nocebo-Effekt (lateinisch für "Ich werde schaden.")

Ausgelöst werden kann die vermeintlich schädliche Wirkung zum Beispiel durch Mobilfunkmasten. Die Universität von Essex ließ laut einer im Fachmagazin Environmental Health Perspectives veröffentlichten Studie 158 Probanden für 50 Minuten in einem Raum mit einem aufgebauten Sendemast. Jene Teilnehmer, die sich schon zuvor als strahlungssensibel bezeichnet hatten, klagten im Anschluss über Übelkeit, Kopfschmerzen oder grippeähnliche Symptome. Aber: Der Sendemast war ausgeschaltet.

Beide Effekte, Placebo wie Nocebo, basieren auf dem gleichen Mechanismus: die Erfüllung einer Erwartung. Und beide gehören zu unserem Alltag. Doch beim Nocebo kann das zu einem Problem werden: Dann macht das Studieren des Beipackzettels krank. Man hat Schmerzen ohne Ursache. Arzneien wirken schlechter oder gar nicht.

Hören Sie nicht hin, wenn Ihr Arzt das sagt:

Um den Nocebo-Effekt zu lindern, hilft es, Bewusstsein für mögliche Auslöser zu schaffen. Negativbeispiele aus dem Klinik-Alltag:

Fokussierung: "Ist Ihnen übel?" (im Aufwachraum nach einer OP)

Verunsicherung: "Probieren wir doch mal dieses Mittel aus."

Doppeldeutigkeit: "Dann machen wir Sie jetzt fertig!" (Vorbereitung zur Operation)

Fachjargon: "Wir haben nach Metastasen gesucht – der Befund war negativ. (Krebsdiagnostik)


Besonders chronisch Kranke, die bereits einige gescheiterte Therapieversuche hinter sich haben, sind davon betroffen, wie deutsche und britische Forscher im Fachblatt Science Translational Medicine schreiben. Denn die Arzneien würden im Widerspruch zu der negativen Erwartungshaltung der Patienten stehen ("Das wird mir wieder nicht helfen").

Ärzte haben erheblichen Einfluss

Einen erheblichen Einfluss auf die Erwartungshaltung haben Ärzte und Pflegekräfte. Zu diesem Schluss kamen Forscher in einer 2012 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Übersichtsarbeit zum Nocebo-Effekt im klinischen Alltag. "Einer der häufigsten Fehler sind Verneinungen", sagt Dr. Winfried Häuser, Erstautor der Studie und Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken. Sätze wie "Sie brauchen keine Angst zu haben" würden beispielsweise erst recht Befürchtungen bei den Patienten auslösen. Seit 2012 werden angehende Mediziner deshalb auch in ärztlicher Gesprächsführung unterrichtet und geprüft.

Die Angaben im Beipackzettel richtig einschätzen

Aber die Patienten selbst können den Nocebo-Effekt ebenfalls eindämmen, etwa im Hinblick auf die Nebenwirkungen von Medikamenten. "Beipackzettel werden nicht gemacht, um die Patienten angemessen zu informieren, sondern um möglichen Schadensersatzansprüchen an den Hersteller vorzubeugen", sagt Häuser. Wenn sich Patienten ausreichend vom verschreibenden Arzt über die wesentlichen Nebenwirkungen informiert fühlen, sei es eine sinnvolle Strategie den Absatz "Nebenwirkungen" im Beipackzettel nicht mehr so gründlich beziehungsweise gar nicht mehr zu lesen. Das könne verhindern, dass jemandem schlecht wird, weil er gelesen hat, die Pille könnte möglicherweise Übelkeit auslösen.

Oder man setzt die Warnhinweise in Bezug zu den üblichen Risiken des Lebens. Eine "sehr seltene" Nebenwirkung komme laut Häuser beispielsweise genauso oft vor wie ein tödlicher Verkehrsunfall. Sehr selten eben.

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Bildnachweis: W&B/Dr. Ulrike Möhle, istock/skynesher

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