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Mit Chili gegen Nervenschmerzen

Es sticht, brennt, zieht, kribbelt. Nervenleiden können quälen. Dem Patienten Frieder H. hilft der Stoff, der Chilischoten ihre Schärfe verleiht
von Diana Engelmann, 11.04.2016

Die Eieruhr tickt. Frieder H. ruht auf einer Liege im Behandlungszimmer, auf seinem Rücken klebt ein Pflaster. Es soll eine halbe Stunde wirken, bevor es wieder entfernt wird, deshalb die Uhr. Langsam rötet sich die Haut um die beklebte Stelle. Das muss so sein, denn das Pflaster enthält Capsaicin – den Stoff, der Chilischoten ihre Schärfe verleiht und nun Frieder H.s Schmerzrezeptoren reizt.

Etwa drei Monate lang wird das Capsaicin die Nervenschmerzen lindern, die den 61-Jährigen seit eineinhalb Jahren quälen. H. leidet an sogenannten neuropathischen Beschwerden. Sie entstehen, wenn Nerven im Körper geschädigt sind.

Vor etwa zehn Minuten klebte ihm Professor Thomas Tölle, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZIS) am Klinikum rechts der Isar, das Pflaster auf. Um die schmerzenden Stellen exakt zu treffen, hat der Neurologe mit einem Wattestäbchen über H.s Rücken gestrichen, mit einem Stift Bereiche nachgezeichnet und die Pflaster entsprechend zurechtgeschnitten. Genau zu markieren ist wichtig, damit der Stoff nicht auch auf gesunden Arealen wirkt. Generell sollten sich Patienten nur von einem Arzt mit Capsaicin behandeln lassen. Das gilt vor allem für Diabetiker.

So wirkt Capsaicin

Capsaicin lindert Schmerzen, indem es den sogenannten TRPV1-Rezeptor aktiviert, ihn zunächst überstimuliert und anschließend für weitere Reize unempfindlich macht. Durch diesen Rezeptor nehmen wir Schmerzreize wahr. Er leitet auch Hitzesignale der Haut ans Gehirn weiter und ist beteiligt, wenn wir Schärfe schmecken. "Die Fasern, die Schmerz übertragen und an der Hautoberfläche enden, ziehen sich bei der Behandlung ein Stück zurück. Wir sprechen von Defunktionalisieren", erklärt Tölle.

Schmerztherapie: Professor Thomas Tölle klebt das Pflaster auf die Haut

W&B/Thomas Dashuber

Der Vorteil des Capsaicin-Pflasters: Es hat kaum Nebenwirkungen. "Eventuell entstehen akut Rötungen und Schmerzen. Eine Kältepackung kann beides lindern", so Tölle. Schwindel, Konzentrationsstörungen oder Benommenheit, wie sie bei den sonst eingesetzten Mitteln auftreten können, fallen jedoch weg. Gegen Nervenschmerzen wirken bestimmte Antidepressiva, Antiepileptika oder Opioide. Bei Frieder H. schlägt das Pflaster gut an.

Gürtelrose häufig Auslöser von Nervenschmerzen

Mit einer Gürtelrose fing alles an. Der ehemalige Berufssoldat aus Pfaffenhofen an der Ilm gehört damit zu den rund 20 Prozent der Gürtelrose-Patienten, bei denen nach der Virenerkrankung Nervenschmerzen auftreten. Die Erreger, die den Hautausschlag verursachen, bleiben im Nervensystem und zerstören dort Fasern, die Schmerz verarbeiten.

Die Folge können Schmerzen sein, die über Jahre dumpf in der Tiefe wüten. Oder die Betroffenen mit stechenden Attacken quälen. "Es ist, als wenn dir jemand ein Messer zwischen die Rippen haut", sagt H. Solche Anfälle können Minuten dauern – eine Zeitspanne, die dann einer Ewigkeit gleichkommt.

Schwer zu diagnostizieren

Neuropathische Schmerzen äußern sich sehr unterschiedlich und sind deshalb schwierig zu diagnostizieren. Betroffene suchen laut dem Deutschen Forschungsverbund Neuropathischer Schmerz im Schnitt acht verschiedene Ärzte in zehn Jahren auf, bis ihnen jemand helfen kann.

Die Auslöser sind genauso vielfältig wie die Symptome. Man unterscheidet periphere und zentrale neuropathische Schmerzen. Erstere können als Folge von Gürtelrose entstehen oder nach Nervenverletzungen bei chirurgischen Eingriffen. "Etwa zehn Prozent der Operierten haben solche Beschwerden", sagt Tölle. Auch Alkoholmissbrauch kann sie auslösen. Oder Diabetes, weil die Krankheit im Laufe der Zeit die Nerven angreift. Beschwerden äußern sich etwa in kribbelnden Gliedmaßen. Oder es brennt und zieht. Oft reagiert die Haut extrem empfindlich auf Kälte, Wärme, Druck oder Berührungen.

Auch Sport und Psychotherapie können helfen

Die zweite Art von neuropathischen Störungen kann nach Schlaganfällen oder bei multipler Sklerose auftreten. Sie gehen vom zentralen Nervensystem aus, also Gehirn und Rückenmark. Taubheitsgefühle oder Lähmungen sind typisch.

Bei beiden Ausprägungen können Patienten mehr tun, als Medikamente schlucken. Frieder H. haben Sport und eine Psychotherapie geholfen. Während er von seiner Krankheit erzählt, klingt er gar nicht wie einer, dem der Schmerz manchmal wie ein Messer in den Leib fährt. Ob ihn die Probleme nicht wütend machen? "Das habe ich hinter mir gelassen", winkt er ab. Man glaubt ihm das. Sein Ziel: "Ich will schmerzfrei werden." Er weiß, dass die Spezialisten im Schmerzzentrum diesen Wunsch für sehr ehrgeizig halten. Was er bisher erreicht habe, sei schon viel, so die Ärzte. H. selbst sagt: "Sonst wäre ich nicht hier. Mein Ziel motiviert mich."

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Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Photos.com, W&B/Thomas Dashuber

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